Wenig Distanz: 11mm

Peter

Nationalspielerin und Jurymitglied Babett Peter, Photo: Stefanie Fiebrig

Gestern Abend ging mit der traditionellen Kurzfilm-Kuration 'Shortkicks' die 15. Ausgabe des 11mm Fußball-Film-Festivals zu Ende. Wir werfen ein paar Schlaglichter darauf, was in den letzten Tagen im Kino Babylon zu sehen war.

Den Preis für den besten Kurzfilm des Abends verlieh eine Jury am Ende des Abends ungefähr im Modus des Eurovision Song Contest. Zu dieser Jury gehörten mit den den Fußballern Bernhard Dietz, Babett Peter und Mitchell Weiser auch Menschen, die sich dank einer launigen Moderation als nicht die allergrößten Cineasten dieser Welt herausstellten. (Das gilt ebenso und noch mehr für Maximilian Arnold, der vom Festival Partner VFL Wolfsburg als Schirmherr für das Nachwuchs-Festival im Herbst delegiert wurde.) Insofern war es beruhigend, dass der richtige Film den Preis des Abends gewann: die szenische, dramatische Kurzdokumentation 'En la Boca', die in ungeschminkten Bildern eine Familie porträtiert, die im Schatten des Boca-Juniors Stadions La Bonbonera versucht, sich mit dem unlizensierten Verkauf von Bier und echten und gefälschten Tickets über Wasser zu halten.

Am Ende eines Festivals werden überhaupt gern Preise vergeben. So auch hier: Der Publikumspreis ging in einem Akt des Widerstands gegen die aktuellen Realitäten an einen Film über eine erfolgreiche Saison des 1. FC Köln ('Das Double 1977/78). 'Men in the Arena' von JR Biersmith ist ein passender Gewinner des Jury-Wettbewerbs dieser Ausgabe von 11mm - auch wenn dieser Wettbewerb ebenso wenig das A und O des Festivals ist, wie Tabellen und Pokale in wenigen seiner Filme im Mittelpunkt stehen. Aber der Film über Somalia, die Fußballer des ostafrikanischen Landes und vor allem die beiden jungen, hoffnungsvollen, aber situativ verzweifelten Spieler Sa'ad und Saadiq erzählt Geschichten die unter den (in Mogadischu und den anderen Orten Somalias allzu deutlichen) Zeichen von Zerstörung durch Krieg, Bürgerkrieg und terreur stehen, und damit eine der negativen Wendungen des Festival-Leitmotivs 'Fußball und Macht' aufzeigen. Der Film dokumentiert aber auch, wie Somalis in Sa'ads und Sadiqs Generation versuchen, ihr Land wieder aufzubauen.

Wie groß diese Aufgabe ist, zeigt schon die Manifestation der sprichwörtlichen 'Arena' im Titel. Das National-Stadion in Mogadischu ist seit Jahrzehnten nicht mehr die Arena für Fußball, sondern war in dieser Zeit Schauplatz von Gräueltaten und einer der umkämpften Orte zwischen der theokratischen Miliz Al-Shabaab und afrikanischen Befreiungstruppen. Eines der Tore des Stadions steht, durchrostet, gerade noch so, als zwei der Nationalspieler es besuchen. Angesichts riesiger Krater in der Fassade des Stadions erscheint eine Renovierung zu diesem Zeitpunkt in weiter Ferne zu liegen. Inzwischen gab es darüber zwar Vereinbarungen mit China und Fortschritte. Ein Länderspiel Somalias im Land selbst dagegen nicht.

Men in the Arena Poster

Das Nationalstadium in Mogadischu auf dem Poster des Films

Es gibt viele schreckliche Momente in den letzten Dekaden in Somalia, aber vielleicht keine der in 'Men in the Arena' erwähnten ist so herzzerreißend wie eine Szene, in der Sa'ad, der für eine der höchstens semi-professionellen Mannschaften in Somalia spielt, zuerst bekundet, wie sehr er seine Mutter für die Opfer liebt, die sie für ihn gebracht hat. Und in der seine Mutter dann sagt, früher habe ihr Sohn Reis und Mehl mitgebracht, wenn er aus der Hauptstadt zurück in ihr Dorf kam: "Jetzt bringt er nichts mehr. 20 Dollar im Monat. Aber 20 Dollar sind nichts."

Dass der Film trotzdem auch eine hoffnungsvolle Seite hat ist bemerkenswert. Dank der Bemühungen eines Freundes, dem in den USA Asyl gewährt wurde, bekommt Saadiq eine Chance, zuerst an einer Uni in Florida und dann der Akademie des MLS Clubs FC Dallas vorzuspielen - YouTube Highlight Clips sind also doch manchmal für wirklich gute Dinge nützlich. 'Men in the Arena' lässt weder daran, wie groß die Erleichterung ist, die diese Chance bedeutet, einen Zweifel, noch daran, wie viel Arbeit und Entbehrung es dazu in der Vergangenheit und Gegenwart der Protagonisten braucht.

Wie viele der Filme des Festivals ist auch dieser davon geprägt, dass sich die Filmemacher auf die eine oder andere Weise stark mit ihren Protagonisten identifizieren. Das ist kein unparteiischer Journalismus, aber Stoff für starkes Kino.

Viele Filme

Aber nicht alle Filme, für die das gilt, und nicht alle Geschichten, die sie erzählen, sind gleich universell und gleich tief. Dass es in Delmenhorst einmal höherklassigen Fußball gab, dann nicht mehr, und jetzt vielleicht wieder, ist eine schöne Episode, aber keine, die außerhalb der 80.000-Einwohner-Stadt notwendiger Weise hohe Wellen schlagen wird. Aber auch das ist okay, denn zum einen ist das eben ihr Horizont, zum anderen bietet sie durchaus Identifikations-Potential.

Nah an den Protagonisten zu sein kann von Filmemachern auch Kompromisse zwischen Zugang zu diesen Protagonisten und Bandbreite des in-welcher-Weise-auch-immer möglichen Fragen- oder Meinungsspektrums schaffen. In ganz unterschiedlicher Art zeigen dass etwa 'Kenny' und 'ultrAslan'. Ersterer Film ist eine Biographie eines der besten wenigstens britischen Fußballers je, Kenny Dalglish, dessen Karriere und Leben zugleich unter dem Schatten von so viel Tragik und Leid lag wie die kaum eines anderen Weltklasse-Fußballers. Unfassbar deutlich, aber weitgehend unausgesprochen steht im Raum, wie sehr die Stadionkatastrophen von Heysel und vor allem Hillsborough Dalglish prägen und belasten.

Dagegen gewähren in 'ultrAslan' die deutschen 'Divisionen' einer Ultragruppierung von Galatasaray überraschend weitreichende Einblicke in ihre Organisation und Gedankenwelt, allerdings unter der Voraussetzung an den Regisseur, das Produkt von ihren 'Generälen' autorisieren zu lassen. Das verhindert nicht, dass auch Konflikte zwischen dem Regisseur und Interviewer Ümit Uludag offenkundig werden. Aber es prägt den Film im doppelten Sinn unausweichlich: Es muss einen Einfluss auf dramaturgische und inhaltliche Entscheidungen haben, macht den Film in seiner Konzeption aber wohl auch überhaupt erst möglich. Die angesprochenen Konflikte drehen sich in erster Linie um die jeweilige Interpretation davon, was es heißt, mit türkischen Wurzeln in Deutschland zu leben, die die Menschen auf beiden Seiten der Kamera wählen. Die Misogynie der Gruppe kam dagegen nicht im Film, sondern erst in der Paneldiskussion im Anschluss daran zur Sprache.

Große Nähe zu den gezeigten Menschen und Migration definieren filmisch und thematisch auch den brasilianischen Kurzfilm 'A Copa dos Refugiados,' der allerdings in gänzlich anderer Tonlage Geflüchtete porträtiert, die unter anderem in einem Fußballturnier der Gesellschaft, in der sie neuerdings leben, ihre geteilte Menschlichkeit demonstrieren wollen.

Ein nicht-ganz uninteressanter Beitrag im Genre Mannschaftsporträt mit Spielszenen und pieces-to-camera ist Triumph. Am Beispiel der Albanischen Mannschaft, die sich als erste ihres Landes für ein großes Turnier (die EM in Frankreich 2016) qualifizierte, stellt 'Triumph' Fragen über nationale Identität, die sich an der weit in die Diaspora verstreuten Albanischen Mannschaft sehr deutlich hervortun.

Szene des Festivals

In diesem - selbstverständlich sehr unvollständigen - Überblick fehlt nun noch ein Kleinod, wie man es bei 11mm immer wieder findet, und vielleicht auch nur dort. 'Die Spartaner' waren eine Sportgruppe in den dreißiger Jahren, die den Nazis nicht näher standen, als die Gleichschaltung es verlangte. Der Gründer der Gruppe, Ernst Fuhry, drehte in dieser Zeit den angeblich ersten deutschen Fußball-Lehrfilm, dessen Rollen er während des Kriegs in einem Garten vergrub. Diese Rollen sind inzwischen in Besitz des Regisseurs des Kurzfilms, Frank Toebs, und kommen in diesem Ausschnittsweise vor. Ausschnitte, die durchaus neugierig auf das komplette Material machen, nicht zuletzt um zu erfahren, wie man lernt, mit dem Außenrist beider Füße im Wechsel zu jonglieren.

PS: Rezensionen zu Yesil Kirmizi und The Workers Cup sind bereits im Textilvergehen erschienen.

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