Charaktere

Am Abend begann im Babylon Mitte das 14. 11mm Fußball Filmfestival mit 'Inside a Volcano,' einer Nahbetrachtung des erfolgreichen isländischen Fußballs. In seiner Eigenschaft als führendes Medium für Fußballkultur berichtet Eiserne Ketten.

In einer Fußballwelt, die allzu oft ebenso sehr aus den Fugen geraten zu sein scheint wie das echte Leben um sie herum, war die Erfolgsgeschichte des isländischen Fußballs eine willkommene feel good story. Diese Geschichte, die schon mit der knapp verpassten WM-Qualifikation 2014 begann, und in einem Sieg gegen England im EM-Achtelfinale ihren Höhepunkt erreichte, erzählt Saevar Gudmundsson in seinem Film Inside a Volcano (og. Jökullinn logar, Gletscher in Flammen), der am Donnerstagabend das 11mm Festival eröffnete.

Embedded

Über zwei Jahre, vom Beginn der Qualifikationsrunde bis zu dem Unentschieden gegen Kasachstan, mit dem Island sich zwei Spieltage vor deren Ende qualifizierte, begleiteten Gudmundsson und sein Team die Mannschaft und den Betreuerstab um die Trainer Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrímsson - letzterer hat inzwischen die alleinige Verantwortung übernommen und war bei der Festivalaufführung des Films ebenso anwesend wie Gudmundsson und der isländische Botschafter Martin Eyjólfsson, der einst gemeinsam mit Hallgrímsson in der ersten isländischen Liga Fußball spielte.

gudmundsson

Regisseur Saevar Gudmundsson. Photo: Stefanie Fiebrig

Der Film begleitet die Mannschaft embedded - zum Teil wörtlich - in Kabinen und Hotels, bei taktischen Besprechungen und Trainings und zeigt natürlich auch entscheidende Momente in Spielen wie einem Sieg gegen die Niederlande in Amsterdam. Die Dynamik des Erfolgs und der sympathischen Ausstrahlung des kleinsten Landes, das sich je für eine Endrunde qualifizieren konnte, ist ansteckend und lässt einem kaum eine andere Wahl, als mit der Mannschaft zu fiebern. Oder vielmehr, sich mit ihr zu freuen, denn wenn der Film eine dramaturgische Schwäche hat, dann liegt diese darin, dass es auf Islands Weg zur Europameisterschaft kaum Rückschläge gibt, die wesentliche Spannung aufbauen würden.

It's easy to look for speed and technique. For me, the most important thing is the will to work harder than others.

Heimir Hallgrímsson

Wie nah die Filmcrew an und mit der Mannschaft arbeitet ist prägend für den Film und sorgt für große Identifikation zwischen beiden Seiten - eine so enge Verbindung, dass Gudmundsson sich bei der Entscheidung, nicht auch während der Endrunde in Frankreich dabei sein zu können, fühlte, als sei er aus dem Kader gestrichen worden. Doch während diese Nähe interessante Einblicke ermöglicht, führt sie auch dazu dass, wie Gudmundsson im Interview sagte, der Erfolg des Teams und des filmischen Projekts "beinahe in eins verschmolzen". Ähnlich geht es auch der Zuschauerin, die sich zwar sehr wohl mit den Protagonisten identifizieren kann, auf Brechungen, die den Beobachter in eine etwas distanzierte Perspektive des Geschehens brächten, aber vergeblich warten wird.

Heimir

Islands Nationaltrainer Heimir Hallgrímsson im Interview. Photo: Stefanie Fiebrig

Interessant ist der Film trotzdem, weil er schöne Charakterstudien seiner Protagonisten liefert. 'Charakter' ist auch der Begriff, den sowohl Trainer Hallgrímsson als auch Regisseur Gudmundsson hauptsächlich verwenden, um den isländischen Erfolg zu erklären. In Golfspielen auf Hotelfluren ist zu sehen, wie wenig die Spieler um Gylfi Sigurðsson verlieren wollen.

Und obwohl die steile Entwicklung des isländischen Fußballs oft vor allem modernen Trainingsmöglichkeiten zugeschrieben wird, die es erlauben, über das ganze Jahr Fußball zu spielen und so höheres technisches Niveau zu erreichen, antwortet Hallgrímsson auf die Frage, was die wichtigste Qualität in der systematischen Talentsuche und -entwicklung sei mit dem Plädoyer, dass während "alle auf Geschwindigkeit und Technik achten, wir in Island Charaktere finden müssen, Jungen und Mädchen, die hart an sich arbeiten wollen - denn das sind jene, die am Ende überleben werden."

There're a lot of advantages in being a small country

Heimir Hallgrímsson

Damit ist offensichtlich nicht gemeint, dass fußballerische Ausbildung auf hohem inhaltlichen Niveau nicht ebenfalls von grundlegender Bedeutung und notwendig ist. Die beiden Faktoren, die Islands Talentförderung von der anderer Länder abheben, sind erstens, wie früh Kinder fokussiert trainiert werden (schon mit 4 oder 5 Jahren); und zweitens, dass dies mit vielen gut ausgebildeten Trainern geschieht. In zweifacher Weise kommt den Skandinaviern dabei zu Gute, dass es klein und kompakt ist: "Wir können allen Angebote machen," sagt Hallgrímsson, "egal wo sie wohnen. Auch in kleinen Städten gibt es gute Plätze und gute Trainer." Darüber hinaus ist der Prozess, in dem Talente gefunden und ausgebildet werden, an einem Ort wie Island paradoxerweise fehlertoleranter: "Wir verlieren Spieler nicht - in einem so kleinen Land kann man ihre Entwicklung beobachten. Auch Spätzünder müssen spielen - wir können uns nicht erlauben, sie zu verlieren, also tun wir es nicht."

Clap

"We'll do it, but only once, because we are really sick of it." Photo: Stefanie Fiebrig

In Filmprojekten wie diesen (oder vielleicht allen anderen) stellt sich ein entgegengesetztes Problem: viel zu viel Material (hier: ca. 200h Film) müssen in 90 Minuten komprimiert werden und darin eine Geschichte erzählen. Den Prozess, aus einem ersten, viereinhalb Stunden langem Schnitt viele Charaktere herauszuschneiden, bezeichnet Gudmundsson als "seine Babys zu töten." Spannend ist dabei die Weise, in der künstlerische Entscheidungen offensichtlich dem selben Druck unterliegen, der auch die sonstige Berichterstattung über Fußball prägt und der etwa dazu führt, dass Verteidiger weniger Aufmerksamkeit bekommen als Angreifer. Weil Charaktere wie Sigurðsson, Kolbeinn Sigþórsson und Eiður Smári Guðjohnsen interessant genug sind, den Film zu tragen, stört das allerdings wenig. Gleiches gilt dafür, dass die euphorische Endrunde im Film nicht vorkommen kann - sie ist wohl frisch genug im Gedächtnis des Zuschauers, das Erlebnis des Films zu informieren, ohne zu sehen zu sein.

Szene des Films

Nachdem sich Torwart Hannes Þór Halldórsson schwer an der Schulter verletzt hat, ist er zurück in der Klinik, in der deshalb operiert wurde. Während der Arzt Bilder der OP zeigt, sagt er mit minimaler Emotionalität: "Das sieht nicht gut aus."

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