Die Polter Schienen

Wie geht Union die Rückrunde - und deren Auftakt am Freitag gegen Bochum - an?

An anderer Stelle habe ich kürzlich zusammengefasst, was Union in der ersten Halbserie unter Jens Keller ausgemacht hat. Während all das, was dort steht, weiter aktuell ist, und auch ein paar Andeutungen zur weiteren Entwicklung der Mannschaft enthält, gibt das Spiel zum Beginn der zweiten Saisonhälfte, gegen den VfL Bochum, auch Grund für eine etwas konkretere Vorschau.

Wie/was fängt Union mit Sebastian Polter an?

In manchen Blättern konnte man in den letzten Tagen lesen, mit der Verpflichtung von Sebastian Polter sei zu erwarten, dass Union seine Taktik ändere und fortan vor allem auf Flanken setzen würde.

Allerdings gibt es für dieses Blog und seine Leser Grund zur Hoffnung, dass es so nicht kommen wird. Diese Hoffnung speist sich zuerst aus dem, was Trainer Jens Keller in der Pressekonferenz vor dem ersten Rückrundenspiel zu den Anpassungen sagte, die sich aus der Integration Polters in die Mannschaft ergeben - nämlich, dass es solche kaum gibt. Stattdessen betonte Keller, dass sich Polter und Collin Quaner, den er im (billig)fliegenden Wechsel mit dem ex-Europäischen Ausland ersetzt, in ihren zentralen Qualitäten kaum unterscheiden: beide sind durchsetzungsfähig, antrittsstark und bereit, sich im Anlaufen und Pressing zu engagieren. Dabei verkörpert zwar Quaner die erste und Polter die zweite Eigenschaft in noch größerem Maß als der jeweilige Counterpart, wird aber trotzdem deutlich, dass sich auch mit Sebastian Polter die Rolle der '9' in Unions Spiel nicht darauf beschränken sollte, auf hohe Flanken zu warten.

Auch die Konstanz, mit der Union in der Hinserie versuchte, Angriffe an der Grundlinie in produktive flache und diagonale Pässe in die besten Abschlusszonen auszuspielen lässt nicht vermuten, dass Keller und sein Trainerteam eine Abkehr von solch eingeübten Mechanismen anstreben. Zwar klingt das Zitat von Christopher Trimmel, auf dass sich die Medienberichte dieser Woche bezogen, da anders, aber geben wir dem Österreicher den benefit of the doubt, und Jens Keller etc Gelegenheit, auf vernünftige Abläufe zu insistieren.

Polter

Sebastian Polter trifft (im September) für QPR gegen Burton Albion. Photo © Nathan Stirk/Getty Images.

Grund dazu hätten sie nicht zuletzt, weil man Sebastian Polter Unrecht tut, wenn man ihn wegen seiner körperlichen Präsenz auf Kopfballstärke reduziert. Schließlich erzielte der Stürmer während seiner ersten Saison in Köpenick sieben seiner 14 Tore mit dem rechten Fuß, fünf mit dem linken - und nur zwei per Kopf. Eines dieser Kopfballtore - gegen Raba Leipzig - fiel nach einer Standardsituation und einem Torwartfehler. Nur ein einziges Mal war die archetypische Flanke-Kopfball-Tor Kombination zu sehen (Karlsruhe, 18. Spt.). Ähnliches gilt übrigens für Polters Zeit in England: auch dort war nur eins von elf Toren für QPR ein Kopfball nach einer Flanke aus dem Spiel.

Ganz von der Hand zu weisen ist die Möglichkeit eines verstärkten Flügel- und Flankenfokus aber auch nicht. Und zwar auch, weil das eben keiner grundsätzlichen Änderung von Unions Ausrichtung in der Hinrunde gleichkäme. Schon in Spielen wie gegen Düsseldorf spielte Union viel über die Flügel und flankte dabei auch oft. Das war, kaum überraschend, wenig effektiv - wenngleich Jens Keller in der Pressekonferenz seinerzeit diesen Zusammenhang nicht schlechtweg gelten lassen wollte.

Was passiert am Freitag?

Für das Spiel gegen Bochum kündigt sich außerdem ein spezieller Umstand an, der Fußball erschweren und Flanken scheinbar begünstigen könnte: ein kaum an- und zusammengewachsener Rasen an der winterlichen alten Försterei. Den zumindest wollte Keller mit seiner Mannschaft in einer weiteren Trainingseinheit kennen lernen, um besser als der Gegner auf die Bedingungen vorbereitet zu sein.

Union

Spielt Eroll Zejnullahu auch in diesem Spiel nicht, wäre das kein gutes Zeichen für den 22-jährigen - der übrigens ebenso wie Philipp Hosiner zwar nicht in der Stammformation von Jens Keller, aber in der 'Zweitligahipser'-Auswahl von Niemals Allein vorkommt.

Gerade auch unter diesem Aspekt wird interessant sein, wie sehr der VfL versucht, sein Aufbauspiel einzusetzen, und wie gut das der Mannschaft von Gertjan Verbeek gelingt. Der gerade sehr einsilbige Niederländer sagte vor dem Spiel, dass er von seiner Mannschaft erwarte, ihr dabei zusehen zu können, "die Philosophie, die wir schon vor vor längerer Zeit introduziert haben" umzusetzen, und agieren statt reagieren möchte.

Dieses Aufbauspiel ist einigermaßen eigenartig: fast immer bilden die Innenverteidiger und ein defensiver Mittelfeldspieler eine Aufbaudreierkette - was noch konventionell ist - vor der aber die verbleibenden zentralen Mittelfeldspieler recht hoch stehen, während der Rechtsverteidiger und der linke Außenstürmer einrücken. Mit diesem Hauch Guardiola gewinnt man eine recht breite Fächerung und viele tiefe Anspielstationen, inklusive des von Jens Keller in der Pressekonferenz mit Stärken (Schnelligkeit und Robustheit) und Schwächen (Ballverarbeitung und -verteilung) herausgehobenen Peniel Mlapa als Ziel für (gegen Ende der Hinrunde häufigere) lange Bälle.

Setzt Bochum auf dieses Aufbauspiel, stellt das Unions Außen vor eine interessante Entscheidung, da ihr normaler Weg im Pressing - vom Außenverteidiger diagonal die Innenverteidiger anlaufend - in dieser Ordnung entweder nicht vorhanden oder auf Grund der Abstände wenig sinnvoll ist. Sie zwischen Innenverteidiger und zurückfallenden Sechser zu schieben wäre eine aggressive und hohe, aber auch enge Variante, die dazu führen könnte, dass Unions Außenverteidiger isoliert werden und bekannte Probleme in der Flügelverteidigung wieder auftauchen könnten.

Gleichzeitig dürfte den Flügelspielern Unions eine wichtige offensive Rolle zukommen: Bochum presst gerne breit und hoch, wobei große Räume auf den Flügeln und in den Halbräumen hinter dem Pressing entstehen - auch diese sprach Keller, weniger konkret, als Ziel für seine Mannschaft an. Um sie nutzen, muss das Pressing überspielt oder mit hohen Bällen umgangen werden. Davon, welchen dieser Wege man präferiert, wird auch die Personalauswahl im Mittelfeld in Teilen abhängen.

Wie bei Fifa

Was auch immer passiert - auf seiner Webseite bietet Union demnächst, in Kooperation mit einer Berliner Firma, eine neue Art, das Geschehen zu verfolgen. Anhand der tracking daten der Spieler und des Balles ist dort eine zweidimensionale Darstellung des Spiels zu sehen. Da die Daten ein wenig buggy sind, und es ihnen an Verilisimilitude (Wahr-schein-lichkeit) fehlt, ist ein wenig Abstraktion nötig, um dabei etwas zu erkennen. Auch sind bis auf fünf Kommastellen angegebene Sprintgeschwindigkeiten etwas albern. Um aber einen Blick auf die Totale des Spielfeldes zu bekommen, den zumindest das Fernsehbild nicht liefert, könnte die Darstellung nicht uninteressant sein.

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