Re-re-retro Analyse

Aus gegebenem Anlass schaut Eiserne Ketten zurück auf SG Dynamo Dresden 1 - 3 Union, aus dem August 2013.

Vielleicht hat es jemand noch nicht mitbekommen: morgen spielt Union in Dresden gegen eine Mannschaft, die von Uwe Neuhaus trainiert wird. Der auch mal bei Union war. Eine Weile lang.

Warum also nicht zurückschauen auf eine Partie, die vielleicht einer der spielerischen Höhepunkte in Neuhaus Zeit bei Union war.

Grundausrichtung

Union spielte in einer Ausrichtung, die formal zwar dem 4231 entsprach, das 2013 das common sense Modell des deutschen Fußballs war, durch die Besetzung der und Interpretation einiger Positionen aber recht eigenartig wurde - und an diesem Tag hervorragend funktionierte.

Dresden - Union 2013

9.8.2013, SG Dynamo Dresden 1 - 3 Union. Für ein 4231 waren vor allem die Außenpositionen, mit Sören Brandy rechts und Benjamin Köhler links, ungewöhnlich besetzt. Die Mittelfeldkombination von Damir Kreilach und Baris Özbek hatte Potential.

FC Union Barcelona

Auffällig - vor allem gemessen an den dominierenden Erinnerungen an die Ära Neuhaus - war dabei, wie kombinationslastig Union spielte. Neben der spielstarken Doppelsechs aus Damir Kreilach und Baris Özbek, die mit einer leichten Verschiebung nach rechts Christian Stuff die Verantwortung für Spielaufbau abnahm, war dafür vor allem das Bewegungsspiel der vorderen vier verantwortlich.

der letzte angekommene pass von dresden ist so 10 min her. #fcunion barcelona

Ich damals auf Twitter

Mit dem Achter Benjamin Köhler formal auf dem linken Flügel und einem Sören Brandy, der von rechts aus fast in einer komplett freien Rolle spielte und überall in der Dresdner Hälfte, oder zumindest zwischen seinem Flügel und dem zentralen defensiven Mittelfeld, auftauchte, wurden die offensiven Außenpositionen des 4231 sehr zentral interpretiert. Dem Spiel Breite zu geben war so weitgehend den Außenverteidigern überlassen.

Das zentrale offensive Mittelfeld und die Halbräume dagegen wurden nicht nur abwechselnd, sondern auch gleichzeitig von den vier nominellen Offensivkräften und Özbek besetzt. Angesichts der Kombinationen, die so möglich waren, und auch tatsächlich entstanden, war eher überraschend, dass sich Union nicht mehr klare Chancen im Strafraum erspielte (die Geschichte dieser 3-0 Halbzeitführung ist auch eine überdurchschnittlicher Chancenverwertung).

Dresden - Union 2014, Rückspiel

Adam Nemec (hier im Rückspiel) war einer von vielen Unionern in guter Tagesform Photo: Stefanie Fiebrig

Ergänzt wurden diese Abläufe durch die Rolle, die Adam Nemec einnahm. Der Stürmer spielte durchaus nicht so eindimensional, wie man es ihm unterstellen könnte. Vielmehr ließ er sich ebenfalls ins offensive Mittelfeld fallen und besetzte in einigen Situationen den Flügel. Trotz seiner limitierten Geschwindigkeit und Beweglichkeit war er in diesen Situationen durchaus effektiv. Das verdankte er in erster Linie einem guten Gefühl für die Bewegungen seiner Gegenspieler, wie es etwa in der 'Szene des Spiels' zu Tage trat.

So gewann Union viele variable Anspielstationen im zentralen Mittelfeld einschließlich des Zehnerraumes. Gleichzeitig war man nach Ballverlusten in diesen Räumen, vor allem im letzten Drittel, sehr präsent, sodass sich organisch Gegenpressing Situation ergaben. Beide Aspekte führten zu der Dominanz Unions, die vor allem die erste Hälfte kennzeichnete.

Mit 'organischem' Gegenpressing ist hier gemeint, dass Unions Spiel nicht den Eindruck erwägt, dass bestimmte Mechanismen und Raumaufteilungen zum Gegenpressing einstudiert sind. Vielmehr folgen die Spieler einer Direktive, nach Ballverlusten auch im Angriff nach vorn und auf den Ball zu zu gehen, statt sich in Verteidigungsstaffelungen fallen zu lassen, und haben dabei ausreichend kurze Wege zu überbrücken. Ob diese und zu welchen Teilen diese Direktive aus der Einstellung vor dem Spiel und aus dem Spiel(verlauf) selbst erwächst, ist von Außen schwer zu beurteilen.

Unions Pressing

Der Druck, unter den Union das Dresdner Aufbauspiel setzte, war einer der bestimmenden Faktoren in der Entwicklung des Spiels. Neben den bereits erwähnten Gegenpressingmomenten traf dies auch auf das reguläre Anlaufen des Aufbauspiels von Dynamo zu, bei dem Union sowohl Formation und Zuordnung als auch Höhe und Intensität variierte.

Gerade zu Beginn des Spiels waren regelmäßig 442 Aufteilungen im Union zu sehen, in denen entweder Torsten Mattuschka oder Brandy die zweite Spitze stellten. Interessanterweise begann das Pressing oft schon bei Torhüter Kirsten, der diagonal angelaufen und so zu Pässen auf den Außenverteidiger geleitet wurde. Während nun der nach Außen laufende Stürmer den Außenverteidiger Dresdens unter Druck setzte, schob auch Unions Außenverteidiger hoch, um es den Sachsen zu erschweren, sich über Außen frei zu spielen.

Uwe Neuhaus

Ein exstatischer Uwe Neuhaus. Photo: Stefanie Fiebrig

In diesen Drucksituationen trafen die Dynamo Spieler dann nicht einmal unterdurchschnittlich gute Entscheidungen, zumindest nicht zu Beginn des Spiels. Vielmehr erarbeitete sich Union Chancen über die Konstanz, mit der dieser Plan umgesetzt wurde. So entstanden zum einen viele Pressingsituationen, die selbst bei einer 'normalen' Erfolgsquote zu einer absolut großen Zahl an vielversprechenden Angriffsmomenten führen. Das Aufbaupressing ist die Grundlage für das Gegenpressing, das in diesem Spiel recht direkt zu zwei (unwahrscheinlich schönen) Toren führte.

Noch entscheidender ist aber der psychologische Effekt, den konstant hoher Druck auf das Aufbauspiel des Gegners hat. Er kann darin bestehen, dass sich der Gegner selbst dann noch wie unter Druck stehend verhält, wenn er de facto Ruhe hat. Weil sich Union in der ersten Hälfte immer wieder minutenlang tief in der Dresdner Hälfte festsetzen konnte, gab es für den ehemaligen Polizeisportverein nur wenig Momente der Entlastung. Auch deshalb stieg die Fehlerquote mit zunehmender Spieldauer - von den Folgen für die Dresdner Offensivbemühungen ganz zu schweigen.

Dresdens Phase

Von dieser Konstellation profitierte Union in der Phase, in der die beiden ersten Tore fielen. Dass sie instabil ist, zeigte sich dagegen im Anschluss, als Union sich im Pressing etwas zurückzog und nur Adam Nemec in der ersten Linie agierte, während aus der Reihe hinter ihm der jeweils am nächsten zum Ball stehende Mittelfeldspieler im Sprint den ballführenden Dresdner anlief. Nachdem Dresden sich noch für einige Minuten vom Spiel der ersten halben Stunde konsterniert zeigte, fanden sie anschließend die Lücken, die das aggressive, aber nicht abgesicherte Anlaufen von Unions Achtern hinterließ, um selbst zu einer Reihe ordentlicher Chancen zu kommen.

Die Phase, in der Dresden nur sehr wenig zu einem Anschlusstreffer fehlte, zeigte einerseits, dass die Sachsen kein so schlechtes Spiel machten. Und andererseits, das Union 2013 nicht mit der selben Sicherheit in der eigenen Strafraumverteidigung agierte, die von der aktuellen Mannschaft an den Tag gelegt wird. Auch damit hat Dresden irgendetwas zu tun...

Auch daran, dass Dresden diese Schwächen ausnutzen konnte (und eine ähnliche Phase in der zweiten Halbzeit noch ein mal vorkam, als Union aus irgendeinem Grund plötzlich auf Konter spielte), war zu merken, dass Union trotz der starken Abschnitte und merkwürdig gefärbter Auswärtstrikots nicht Barcelona war.

Szene des Spiels

Die Szene des Spiels begann bei 26:15 AFTV, als Union nach Ballgewinn im Gegenpressing begann, ruhig aufzubauen, bis Schönheim auf dem Mittelpunkt Nemec anspielte, der mit einer Drehung Anthony Losilla aussteigen ließ und einen through ball auf Brandy spielte. Seine Hacken-Ablage kam zwar nicht bei 'Tusche' an, doch das Gegenpressing, das beide einleiten, erlaubt es Özbek mit einem gewagten Sprint den Ball zu erobern und dem Kapitän zu überlassen, der das 2-0 schießt.

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