Referenz

Union gewinnt deutlich gegen 1860 München und festigt seine Position in der Spitzengruppe der Liga.

Normalerweise beginnen diese Analysen mit einer Übersicht über die Dynamiken des Spiels und die Grundzüge der Herangehensweise der Mannschaften.

Nach diesem Spiel möchte ich allerdings zuerst auf einen Moment auf der Pressekonferenz eingehen. Als ich Jens Keller dort nach Details zu einer taktischen Umstellung fragte, die Unions Trainer in seinem Eingangsstatement erwähnt hatte, fragte Keller seinerseits mich, ob ich denn gesehen habe, worin diese bestanden habe.

Was Keller meinte, war dass Steven Skrzybski nach einigen Spielen als rechter Flügelstürmer bei Ballbesitz für Union wieder in die Position an der Spitze einer Raute zurückkehrte, in der er in der Hinrunde etwa gegen Hannover gespielt hatte.

Union

Die Aufstellung zu Beginn

Aus verschiedenen Gründen habe ich das in diesem Moment nicht gesagt: zum einen, weil ich die Pressekonferenz nicht für den Ort hielt, an dem man sich für meine Analyse der Partie interessieren würde. Aber auch, weil ich von dieser Frage einerseits überrascht war, und andererseits weil es schon Spiele gab, nach denen ich zu diesem Zeitpunkt eine komplettere Theorie des Geschehens hatte. Wie sehr ich die 90 Minuten im Stadion zur Analyse nutze, und wie sehr die Rückschau im Video, variiert. In dieser Woche liegt der Schwerpunkt auf dem Video. Die Pressekonferenz dagegen ist die einzige Gelegenheit, die Ansicht des Trainers einzuholen - und dazu diente meine Frage.

Außerdem erhebe ich mit keinem der Beiträge hier einen Anspruch an Vollständigkeit, Unanfechtbarkeit oder Authorität der Analyse. Sie sollen vielmehr eine Diskussion über interessante Spiele in einem komplexen Sport anstoßen oder zu ihr beitragen.

Aber damit nun endlich genug des Selbstbezugs, und zur Analyse des Geschehens. Schließlich war Skrzybskis Rolle durchaus vielschichtig und interessant.

Where on the field played Steven Skrzybski

In der Tat spielte Skrzybski nämlich die meisten seiner Pässe vom rechten Flügel. Andere, wie die (bemerkenswert schöne) Weiterleitung auf Felix Kroos vor dessen Abschluss in der 20. Minute, kamen zwar aus dem Zentrum, aber nachdem Skrzybski im Zug des Angriffs vom Flügel dorthin einrückte.

Gerade in Situation wie dieser, in der sich Sebastian Polter an die Mittellinie zurück fallen ließ um Simon Hedlund einzusetzen, gehört es zu den Standardmechanismen auch im 433, dass die Außenstürmer das Zentrum besetzen.

Pässe FCU 60

Die Passgraphik für Union bestätigt den Eindruck, dass Skrzybski wenig von seiner Rolle im 433 abwich. Den deutlichsten Anhaltspunkt dafür gibt Christopher Trimmel, der sehr hoch spielte und die rechte Seite oft auch im Offensivdrittel besetzte. Wie die xG von 11tegen11.

Das heißt allerdings nicht, dass Keller nicht Recht mit dem hat, was er über seinen eigenen 'match plan' sagt. Allerdings ist der Effekt subtiler. Wenn Skrzybski in die zentrale Position einrückte, bekam er eben nicht immer auch den Ball, was sich in Pässen oder Dribblings niederschlagen würde. (Von letzteren hatte Skrzybski übrigens schon recht bemerkenswerte 6, was allerdings neben Amiltons 12-zwölf- wie wenig erscheint.)

Trimmel rückte dafür sehr weit auf und spielte in einer Dani-Alves-artigen Rolle, füllte den rechten Flügel also sowohl offensiv als auch defensiv aus. Diese Änderung, oder Verschärfung, bekannter Muster hatte auch mit dem Ausfall von Kristian Pedersen zu tun, der durch den deutlich vorsichtiger agierenden Micha Parensen ersetzt wurde.

Pässe Skrzybski

Die Ausgangspunkte der Pässe von Steven Skrzybski, aus denen sich die Durchschnittsposition in der Graphik oben ergibt, lt Whoscored.

Die Momente, in denen Skrzybski sich am deutlichsten als 10 positionierte, waren Abstöße und ähnliche statische Ausgangssituation für Ballbesitzphasen. Gewann Union hingegen den Ball im Pressing oder Gegenpressing, blieb er zunächst in der Rechtsaußenposition, die er in der Verteidigungsformation innehatte, und zog erst in die Mitte, nachdem der Ball in gesicherten Ballbesitz überging, etwa mit einigen Pässen in der Viererkette.

Solche gesicherten Ballbesitzphasen gab es fast paradoxerweise in der ersten halben Stunde nicht besonders viele, gerade weil Union viel mehr Ballbesitz hatte als die Münchner. Denn zu statischem Ballbesitz kommt es eben vor allem nach abgeschlossenen Aktionen des Gegners, zu denen 1860 nur selten kam. Dazu trug ein anderer Aspekt bei, den Keller nach dem Spiel betonte, Unions Überzahl im Zentrum. Vor dem Spiel stellte (s)ich die Frage, ob 60s Vierermittelfeld oder Unions FKK-Trio sich diesen Vorteil würde.

Der Schlüssel dazu war, den relevanten Teil des Feldes klein zu halten, um dort 3-2 Überzahlen herzustellen. Das gelang mit geschicktem Anlaufen, das Pässe ins Zentrum provozierte - eben dort war Union im Vorteil.

Ein weiterer Faktor waren Flanken - in diesen Seiten eher selten als positiv hervorgehoben. Aber nicht jede Aktion in einem Fußballspiel dient unmittelbar dazu, Tore zu erzielen. Und während Flanken dazu nicht besonders effektiv sind, können sie zu insgesamt höherer offensiver Präsenz beitragen, weil sie nicht nur selten kontrolliert abgeschossen, sonder auch selten kontrolliert verteidigt werden. Weil Union das Zentrum für zweite Bälle beherrschte (wobei Skrzybski sich dem Kontext entsprechend eher auf dem Flügel oder in der Spitze aufhielt), blieben sie auch nach nicht angekommenen Flanken oft in Ballbesitz und konnten so durch dauerhaften Druck Chancen aufbauen.

Expected goals Karte

Die Expected Goals Karte des Spiels. Union zeigt seine offensiv produktive Seite und hat in allen Bereichen deutliche Vorteile.

Szene des Spiels

Die Chance von Sebastian Polter in der Anfangsphase, als er via Hedlund von Steven Skrzybski stark freigespielt wurde. Die Szene zeigte den Wert eines mit Skrzybski besetzten Zehnerraumes. (ab 7:20min AFTV)

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