Retroanalyse: Finest 25 minutes

Mai, 2001: Der FC Union spielt im anderen Berliner Stadion um den DFB Pokal. Eine Retroanalyse.

In den letzten fünfzehn Jahren ist der DFB Pokal unter Anhängern Unions zu einer Art running gag geworden, dessen Pointe in jeder Saison in der ersten oder zweiten Runde neu formuliert wird. Das war nicht immer oder ohne Ausnahme der Fall, und auch nach dem FDGB Pokalsieg 1968 hatte der Verein aus Köpenick im Pokal einen seiner spektakulärsten Momente, als man 2001 im Endspiel stand, und sich damit außerdem für den Uefa-Pokal qualifizierte.

Das Finale war von Beginn an von der Favorit-vs-Außenseiter Konstellation geprägt, wenngleich die Anfangsphase eher den aktuellen Gemütszustand der beiden Mannschaften abbildete: die aus der Regionalliga aufgestiegenen Unioner hatten die besseren Aktionen als ein Schalke, dass den Schock der um Sekunden und ein Tor verpassten Meisterschaft noch nicht verwunden zu haben schien.

Grundausrichtung

Schalke-Union

Union trat in einem 532 mit massivem Zentrum an, Schalke in einem 442 mit asymmetrischer Raute.

In dieser guten Anfangsphase setzte Union seinen Plan bestmöglich um. Dieser bestand darin, mit vielen defensiv ausgerichteten Akteuren gefährliche Durchbrüche des Vizemeisters zu verhindern, das Mittelfeld möglichst schnell zu überbrücken und auf gelungene Aktionen der beiden Stürmer Isa und Ðurkovic zu hoffen.

Dazu wählte Trainer Wasiliev ein 532 System, in dem vor allem der Zehnerraum oft unbesetzt blieb. In den aktiveren Phasen, oder wenn sich in Ballbesitz Räume vor ihnen öffneten, stießen auch die Flügelverteidiger Nikol und Kremenliev ins Mittelfeld vor.

Schalke wiederum trat in einem gestaffelten, etwas asymmetrischen 442 an. Eine Viererkette, die entschieden einer Zeit ohne Spielmacher in dieser Position angehörte, formierte sich hinter Jiří Němec auf der Sechs, vor dem Andreas Möller eine Rolle zwischen Acht und Zehn einnahm. Auf den Außen spielte Gerald Asamoah eher flügelstürmer-haft, während Jörg Böhme neben Versuchen, von Linksaußen zu Flanken zu kommen, hin und wieder auch in die Feldmitte einrückte. Das Sturmduo Sand-Mpenza driftete eher zur linken Seite.

Altmodisches Schalke mit modernen Problemen

Im Schalker Ballbesitz ließ sich Nemec oft zwischen die Innenverteidiger fallen, um von dort das Spiel aufzubauen. Doch anders als in zeitgenössischen Varianten dieses Verhaltens sollte damit nicht Überzahl gegen Pressing geschaffen werden - ein solches war nur sehr vereinzelt zu sehen. Vielmehr wurde Nemec benötigt, um die spielerischen Schwächen der Innenverteidigung zu kompensieren. Diese Herangehensweise hatte aber deutliche Probleme, da so oft jegliche Präsenz im zentralen Mittelfeld fehlte. Die Folge waren lange Bälle in Richtung Sturmzentrum, wo Union in deutlicher Überzahl meist sicher verteidigen konnte.

Problematisch an diesem Gefüge war nicht nur dass Schalkes Team in zwei Teile gespalten war, sondern auch, wie eindimensional in ihren Fähigkeiten und ihrem Profil diese Teile waren. Selbst die besten Verteidiger im Fußball dieser Zeit waren weniger spielerisch veranlagt als die gegenwärtige Weltspitze, und keiner der Spieler des Vizemeisters käme in irgendjemandes Gedanken über Weltklasse-Spieler dieser Ära vor. In der Schalker Mannschaft gab es also insgesamt etwa vier Fußballer. Und obwohl die Offensivspieler der Mannschaft aus dem Ruhrgebiet nicht über die Maßen künstlerische Naturen waren, hielt sich ihr Eingebunden-sein in defensive Aufgaben doch in Grenzen, und war jedenfalls nicht sehr kollektiv oder proaktiv. (Hierzu muss aber auch gesagt werden, dass die weitestgehende Abwesenheit von Unioner Aufbauspiel wenig Gelegenheit für so etwas wie Angriffspressing gegeben hätte.)

Die Gründe für Schalkes Probleme lagen jedoch nicht nur in ihrer eigenen Struktur, sondern wurden auch durch die Defensivstrategie Unions zu Tage gefördert. So wechselten sich die Mittelfeldspieler - Menze, Koilov und Okeke - damit ab, Möller mannorientiert zu decken, und störten so das wesentliche gestalterische Element des Schalker Spiels. Ließ der frühere Dortmunder sich fallen führte dies zu 523-haften Staffelungen Unions, in denen man im Zentrum auf Grund der geringen Einbindung der Innenverteidiger in das Aufbauspiel de facto in Überzahl war. So konnten die schon beschriebenen, für Schalke ungünstigen Situationen noch forciert werden.

Ungewöhnliche Stärken

Auch diese Probleme trugen dazu bei, dass sich aus der Herangehensweise Unions, die an das Eingeständnis der eigenen nominellen Unterlegenheit angepasst war, eine seltene Dynamik ergab: individuelle Aktionen des underdog sorgten für die zentralen Momente in den ersten 25 Spielminuten. Weil Union im eigenen defensiven Zentrum Bälle gewann, konnten Koilov oder Okeke unter wenig Druck genaue lange Bälle in die Spitze spielen. Dort wurden sie von Isa oder Ðurkovic mit starken Aktionen verarbeitet. Dass dabei nicht mehr herauskam als je ein gefährlicher Abschluss von beiden lag auch daran, dass eine nächste Anspielstation im Sturmzentrum fehlte - hier hätte es sich bezahlt machen können, Daniel Teixeira nicht für einen Innenverteidiger zu opfern.

In der Anfangsphase kompensierte Union dieses numerische Defizit noch damit, dass die zentralen Mittelfeldspieler - also auch Menze und Koilov - und die Flügelverteidiger zum Angriffsdrittel aufrückten. Nikol und Kremenliev bewegten sich dabei mit und ohne Ball diagonal, um entweder aus der Mitte Anspiele die Stürmer einzusetzen oder sie zu vorderlaufen und als Anspielstationen zu dienen. In dieser Hinsicht wurde man jedoch mit zunehmender Spieldauer in der ersten Halbzeit zurückhaltender.

Das Spiel kippen umrennen

Von der 25. Minute an, als zuerst Möller zu einem Schuss von der Strafraumkante kam und dann Hajto nach einer Ecke nur von einem exzellenten Reflex Beuckerts am Führungstreffer gehindert wurde, übernahm Schalke deutlicher die Kontrolle über das Spiel und begann, vermehrt zu Chancen zu kommen.

Dies gelang mit recht simplen Mitteln. Bei Versuchen, aus der Abwehr herauszuspielen, fand man sich damit ab, keine spielerische Verbindung ins Mittelfeld zu haben, und verlegte sich stattdessen auf Dribblings der Außenverteidiger oder sich Bälle tief abholender Mittelfeldspieler. In diesen Situation konnte man individuelle Vorteile ausspielen, umso mehr, als Union formationsbedingt auf den Flügeln im mittleren Drittel ohnehin kaum präsent war.

War Unions erste und zweite Reihe so mit dem Ball am Fuß überspielt, fielen die Köpenicker in der Regel in eine Sechserkette am Strafraum zurück. Gleichzeitig fanden sie keine Mittel, aus dieser Stellung bei laufendem Spiel wieder aufzurücken. Die Folge waren längere Ballbesitzphasen für den Bundesligisten, während derer viel Raum und Zeit im Zehner- und Achterraum zuhanden war. Daraus ließen sich Flanken oder Nadelaktionen (Lochpässe, erneute Dribblings) und damit Abschlüsse generieren.

Wenn Union in dieser Verteidigungshaltung zu Ballgewinnen kam, geschah dies unter mehr Druck und durch andere Spieler als zuvor, sodass weniger produktive Gegenangriffe ausgelöst werden konnten. Konteransätze wie in den letzten Sekunden der regulären Spielzeit der ersten Halbzeit waren sehr selten.

Mit etwas Glück für Union gingen die rot-weißen trotzdem mit einem Unentschieden und allen Chancen in die Halbzeit.

Entscheidung

Die zweite Hälfte begann offen: Bei Union fielen nun in der Verteidigung weniger Spieler in die letzte Linie zurück, was zu einer Chance für Mpenza führte - und zu Unions bester Gelegenheit. Einen Abstoß verlängerte Koilov auf Okeke, der mit dem Außenrist auf Nikol ablegte, seine Flanke verarbeitet Ðurkovic berkampesk, und traf den Pfosten.

Minuten später schickte Möller Mpenza, Tschiedel musste vorwärts in ein eins-gegen-eins Duell mit dem Belgier gehen und foulte ihn dabei. Den fälligen Freistoß verwandelte Böhme.

Wasiliev reagierte mit der Einwechslung Teixeiras zu lasten eines Innenverteidigers, doch nur zwei Minuten nach holte Mpenza in einem 1 gegen 3 an der Torauslinie einen Elfmeter heraus, der Strafstoß brachte das 2-0.

Während die Tore aus zwei Standards hervorgingen, und nicht aus klar herausgespielten Chancen, ergaben sich die Situationen, in denen diese Chancen entstanden, aus der gekippten Balance des Spiels und entsprachen folgerichtig den vorangehenden 30 Spielminuten. Zu den strukturellen Problemen, die sich für die Rot-Weißen in dieser Phase auftaten, kam hinzu dass die individuelle vor allem physische Unterlegenheit immer deutlicher wurde.

In den Einzelaktionen, auf deren Gelingen Union offensiv weiterhin angewiesen war, wurde größere Ermüdung des unterklassigen Teams nun offensichtlich. Weiterhin gab es kaum Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte, durchgespielte Angriffe scheiterten an der fehlenden Präsenz im Mittelfeld - Union fand offensiv also kaum statt und (trotz zweier Chancen durch Okeke und Teixeira in der Schlussphase) nicht in die Nähe einer zwei-Tore Aufholjagd. So ging das Spiel trotz einer guten Leistung des Zweitliga-Aufsteigers und einer alles andere als übermächtigen Mannschaft aus Gelsenkirchen mit einem Favoritensieg zu Ende.

Szene des Spiels

Der Angriff vor Ðurkovics Pfostenschuss: Nicht nur war dies einer der besten Angriffe irgendeiner Union-Mannschaft, an die ich mich erinnern kann - es war auch die entscheidende Szene für den Ausgang des Spiels.

CfP

Am Beginn dieses Artikels habe ich den FDGB-Pokalsieg Unions 1968 erwähnt. Damals gewann man in Leipzig mit 2-1 gegen Carl Zeiss Jena. Auch über dieses Spiel würde ich gern schreiben - doch dazu bräuchte es Filmmaterial. Da meine Suche danach bis dato erfolglos war, möchte ich an dieser Stelle alle Leser bitten, sich bei mir zu melden, sollten sie von der Existenz oder Verfügbarkeit von Bildern dieses Spiels wissen.

Im Übrigen ist mein privater Twitter Account umgezogen und nun @da_rossbach.

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