Unvollendende Qualität

In einem chancenarmen 0-0 'der besseren Sorte' trennen sich Union und die SGD aus Dresden unentschieden, weil sich die Qualitäten beider Mannschaft neutralisieren.

Grundausrichtung

In groben Zügen verfolgten die beiden Mannschaften, die sich tabellarisch noch näher als geographisch sind, dabei auch eine ähnliche Agenda. Dabei war Dresdens 4141 etwas kombinationslastiger, während Union ein klarer offensiver Plan abging. Weil beide Mannschaften defensiv gut arbeiteten entstand so ein qualitativ ordentliches Zweitligaspiel fast ohne Torchancen.

Dresden-Union

An Unions Startelf ändert sich nur die Besetzung einer Hälfte der Doppelsechs, auf der wenig überraschend Stephan Fürstner wieder für Michael Parensen in die Mannschaft rückt. Auf Dresdner Seite konnte Erich Berko überraschend auf links spielen.

Was bei Union defensiv funktionierte

Nach dem Spiel waren sich Unions Spieler und Trainer einig in ihrer Zufriedenheit mit der eigenen Defensivleistung. Dass deren Ergebnis gut war, ist in den Statistiken des Spiels so auch recht offensichtlich: Dresden kam nur zu sechs Schüssen, davon zwei aufs Tor. Aber woran das eigentlich lag war weniger klar.

Expected goals Dresden-Union Verlauf

Die (Abwesenheit von) Chancen des Spiels im Verlauf. Im gesamten Spiel gab es nur eine nennenswerte Gelegenheit. Wie immer danke ich 11tegen11 für die Ergebnisse seines expected goals Modells.

Die Uneindeutigkeit begann schon mit dem Plan für Unions Pressing und dessen (nicht-)Umsetzung.

Wir wollten heute nicht ganz so hoch pressen, wir haben aber trotzdem in der ersten Halbzeit öfters Angriffspressing gespielt.

Jens Keller

Das gesamte Spiel über schwankte Union zwischen einer eher abwartenden Haltung im 442, in der Polter und Kreilach sich bemühten, die jeweiligen Anspielstationen Dresdens in der Zentrale zuzustellen; und Wellen aggressiveren forecheckings, die oft von Hedlund ausgeführt wurden.

Dabei fiel es Jens Kellers Mannschaft in jedem Fall schwer, Zugriff in der letzten Linie zu bekommen (was aber eben ursprünglich auch nicht angestrebt wurde), weil Dresden über gute taktische und technische Mittel verfügt sich gegnerischen Pressings zu erwehren. Sowohl Torhüter Schwäbe als auch beide Außenverteidiger sind technisch sehr gut und fanden auch in engen Situationen oft spielerische Lösungen. Außerdem ließ sich Hartmann geschickt gelegentlich zurückfallen und erschwerte es den Union-Spitzen, einen Dynamo-Verteidiger zu isolieren.

Expected goals SGDDD-Union

Die Expected Goals Karte des Spiels, ich empfehle 'ctrl-+', um die Punkte zu finden, die Schüsse repräsentieren. Leistners Kopfball war Unions einziger Abschluss im Strafraum. 11tegen11 gibt hier nun auch 'deep completions' an, also Pässe, die tief in der Hälfte des Gegners ankamen. Union hatte davon etwa alle 10 Minuten einen, ein Drittel davon aus Standards. Das ist ausbaufähig.

Das gelang, wie auch Sebastian Polter nach dem Spiel hervorhob, zwar trotzdem in einigen Situationen (der Mittelstürmer selbst kam auf zwei direkte Defensivaktionen, lt whoscored), aber in diesen Fällen gab Stefan Kutschke den Sachsen eine Option zu tatsächlichen Befreiungsschlägen. All das erklärt also eher, warum Unions Pressing keine offensive Wirkung entfaltete, und nicht, wie es defensiv funktionierte.

Pässe DRESDEN-fcu

An Dresdens Passgraphik ist auffällig, wie hoch die Außenverteidiger spielten, über die man oft versuchte, um Unions Pressing herumzuspielen. Dresden hatte insgesamt mehr Spielanteile und eine viel ausgewogenere Spielanlage.

Dieser andere Teil der Geschichte war, dass es Union tatsächlich gelang, im Aufbau Pässe ins zentrale Mittelfeld zu verhindern und Dresdens starke Offensivspieler im Mittelfeld auf eher ungefährliche Aktionen zu beschränken. Berko nur selten in offene Laufduelle und musste öfter auf Außen aus dem Stand in Dribblings gehen. Stefaniak und Hauptmann dagegen kamen selten in den Halbräumen an den Ball. Diese zu versperren war eines der konkreten Ziele, die Keller mit Stephan Fürstner und einer zurückgezogeneren Rolle für Kroos verfolgte.

Union offensiv

Offensiv knüpfte Union an die Leistung des Bochum Spiels an. Dabei wäre es - angesichts von überhaupt nur vier Abschlüssen und nur einem auf das Tor Dynamos - absurd, mangelnde Verwertung dieser sehr wenigen Chancen zu beklagen. Das ist insbesondere der Fall, weil Chancen wie der Kopfball von Toni Leistner in Abwesenheit anderer gefährlicher Szenen leicht überbewertet werden.

Pässe Dresden-FCU

Die Passgraphik für Union zeigt, das Leistner isoliert wurde und Union einen extrem vertikalen Ansatz verfolgte - um es freundlich auszudrücken. Pedersen war dabei erneut noch am meisten ein Verbindungsspieler und der einzige Union Spieler, der Damir Kreilach einbinden konnte. Der Kroate war ansonsten ebenso marginalisiert wie Steven Skrzybski.

Dass Union viele lange Bälle spielte, statt das Spiel aufzubauen, trug dazu bei, selten in gute Angriffe zu kommen, war aber wohl nur zum Teil gewollt. Da Dresden Toni Leistner oft schon zustellte, bevor er den Ball überhaupt bekam. So eröffnete Union das Spiel entweder über Roberto Puncec, der auf der linken Abwehrseite in seinem Passspiel limitiert ist und nur selten seine Qualitäten zeigen kann, oder Jakob Busk schlug Bälle direkt lang. Dieser Trend ist nicht neu, wobei fraglich ist, ob Busk konstruktiveres Aufbauspiel nicht zeigen kann oder nicht versuchen soll/darf.

In der Folge waren wieder forcierte Dribblings die auffälligsten Offensivaktionen Unions, etwa von Pedersen vor Kroos Schuss nach 12 Minuten.

Szene und Spieler des Spiels

Niklas Hauptmann war der Spieler auf dem Platz, der für die meisten und hellsten spielerischen Glanzpunkte sorgen konnte. Einer davon ist in der AFTV Aufzeichnung nach 20:25 min der zweiten Halbzeit in einer Szene zu sehen, die als Lehrbeispiel für 'Pressingresistenz' taugt.

Der 20-jährige sammelt zunächst eine zu kurze Hackenablage von Hedlund ein und wird dann von dem Schweden, Felix Kroos und der Auslinie maximal eng gepresst. Wie er dann mit drei-einhalb Ballkontakten einen Ausweg aus dieser Situation und einen Mitspieler findet war ebenso sensationell gut wie die Anlagen des zentralen Mittelfeldspielers.

Zwar hatte auch seine Leistung noch Verbesserungspotential, wie Uwe Neuhaus unter Verweis auf einige Ballverluste in der Anfangsphase konstatierte, und zwar hätte Hauptmann mit der besten Chance des Spiels auch ein Tor und sein Spiel noch besser machen können. Aber trotzdem waren sein Ball- und Raumgefühl im Kontext dieser Begegnung überragend. Alles in allem ist Hauptmann ein kreativer, technisch starker, instinktiv spielender Sechser/Achter/Zehner mit großem Potential. Wenn bloß Union so jemanden hätte.

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